Mein Körper, das Essen und ich

Mein Körper, das Essen und ich

Eingetragen bei: etwas persönlicher | 2

Können grundlegende Phänomen der Existenz normiert werden? … Nein! Schönheit, Geschmackssinn, Appetit, Kunst, Sexualität und andere Dinge lassen sich in kein einziges Schema pressen!
Meiner Meinung nach kann jede Art der Normierung schwerwiegende Störungen hervorrufen. Meiner Meinung nach ist all das normal und ausreichend, was dem Einzelnen bis in die Tiefe befriedigt.

Heute habe ich bei der Blogparade „Mein Körper und ich“ bei Madame Flamusse von Purpurnest und reingelesen mitgemacht, weil auch ich mich in meinem Leben immer wieder mit Normierungen unserer Gesellschaft auseinandersetze. Hier berichte ich von der Entwicklung meines Umgangs mit meinem Körper:


Fragen, Fragen, Fragen

Was hat die Menge, die jemand isst, mit seinem äußeren Erscheinungsbild zu tun? – Meiner eigenen Erfahrung nach nur wenig. Denn ob jemand dick, dünn oder normal aussieht, hat mit mehreren Themen zu tun. Und überhaupt, was ist denn eigentlich „normal“?

Ich jedenfalls aß schon immer gern, viel und alles, was auf den Tisch kam. Dass ich inzwischen nicht mehr alles essen will, hat Gründe, die mit Geschmack nur am Rande zu tun haben. …

Nun könnte man meinen, so viel wie ich gern esse, müsste ich dick sein ohne Ende. Doch aus dieser Blickrichtung kommend, weiß die Allgemeinheit sehr wohl, dass das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hat. Und wie sieht es andersherum aus.
Wenn Du z.B. einen sehr beleibten Menschen siehst, welcher erste Gedanke schießt Dir da in den Kopf, aus welchem Grund er so aussieht? Und ein sehr schmaler Mensch – aus welchem Grund ist er so dünn?

Die Entwicklung

Nun gut, ich aß also schon immer gern. Doch wer ist schon immer mit dabei, wenn ich etwas esse!? Damals jedenfalls, in meiner Kindheit, hörte ich von Außenstehenden: „Iss doch mal mehr, Du bist zu dünn!“ Immer wieder und wieder hörte ich diese Aussage.
Heute weiß ich, dass es die Erwachsenen nur gut meinen, wenn sie so etwas sagen. Denn schließlich wollen sie ja nur, dass sich das Kind gut entwickelt. Aber wie dies ein Kind aufnimmt, wer fragt sich das schon!?
Ich dachte damals jedenfalls, dass die Leute mich mögen würden, wenn ich normal aussehe. Also aß ich weiterhin viel, manchmal sogar noch mehr. Doch zunehmen und dicker werden, damit die Anderen mich endlich akzeptierten? Pustekuchen! Nicht die Spur!

Dies zog sich hin bis in mein frühes Erwachsenenalter. Bis dahin war diese gut-gemeinte Aussage längst zu einem tiefsitzenden Glaubenssatz geworden. „Dünn ist hässlich!“ war immer Teil meines Gepäcks, auch wenn ich mir dessen damals noch nicht bewusst war. Klar, ich wehrte mich zwar kräftig, wenn jemand sagte, ich solle mehr essen, aber gebracht hat dies gar nichts. Immer hatte ich das Bedürfnis, diesen Menschen beweisen zu müssen, dass ich viel esse, um auch von ihnen akzeptiert zu werden. Doch innen fühlte ich mich nicht akzeptiert.

„Dünn“ auszusehen ist eben nicht schön! Das war meine Realität. Umso eigenartiger kam es mir vor, als ich 2002, ich war gerade 24 Jahre, einem Mann begegnete, der mich genau so wollte wie ich bin. Und er liebte nicht nur meine große schmale Figur, meine langen Finger, meine schmale Hüfte, meine Füße mit ihren langen Zehen, er liebte auch meinen klaren Geist, mein Motivationstalent, meine Art zu denken, … Ja, er liebte einfach alles an mir. Auf eine lästige Angewohnheit, den Nagelwall an meinen Fingern abzuknabbern, reagierte er immer mit: „Mach doch sowas Schönes nicht kaputt!“
Er ist der erste Mann, der mich als die Frau wahrnahm, die ich bin. Und die Zeit mit ihm war, genau wie seine Liebe, die er mir zeigte, wunderbar. Doch aus welchem Grund fühlten sich seine Komplimente nicht so gut an, wie sie waren? Obwohl ich doch offensichtlich von ihm so akzeptiert wurde, wie ich war, fühlte ich mich erneut irgendwie nicht akzeptiert.

Erst nach meiner persönlichen großen Krise 2010, als ich 2011 anfing, mich immer mehr mit den Themen rund um die eigene Realitätsgestaltung zu beschäftigen, begann ich zu verstehen.
Aufgrund der wiederkehrenden Aussage, ich solle mehr essen, weil ich zu dünn sei, fing ich wohl irgendwann an, genau das zu glauben und zu akzeptieren. „Dann bin ich eben dünn und hässlich.“ Dass mich jemand plötzlich so offensichtlich schön empfindet, passte dadurch scheinbar nicht mehr in mein Denken und somit nicht in meine Realität.

Nach meiner Krise las ich also viele Bücher und setzte mich mit deren Inhalten auseinander. Und mit der Zeit fand ich durch Selbstbeobachtung heraus, dass meine Gefühle von meinen Gedanken beeinflusst werden. Außerdem gab ich dem Kind einen Namen (Glaubenssatz s.o.) und entdeckte seinen Ursprung (Kindheit).
So fing ich an, meine Gedanken zu trainieren. Durch stete Selbstbeobachtung meiner Gedanken und Gefühle verbesserte sich mein Umgang mit diesem Glaubenssatz. Und wenn mal wieder irgendjemand etwas zu meiner schmalen Figur und der Menge meines Essens sagt, so reagiere ich inzwischen angemessener. Und ich kann immer noch besser werden.

Und so ist es heute

Das Interessante ist, wie bestimmte Mitmenschen reagieren, die mich heute sehen. Jetzt bin ich nicht zu dünn, weil ich angeblich zu wenig esse. Jetzt bin ich ihrer Meinung nach zu dünn, weil ich mich vegan ernähre. „Ach deshalb bist du so dünn!?“ Die Tatsache, dass ich schon immer so aussah, meine Ernährung erst im Sommer 2014 auf pflanzlich vollwertig umstellte und dass ich ausreichend esse, scheint sie nicht (mehr) zu interessieren.
Ich weiß nur, dass ich mich seit meiner Ernährungsumstellung auch wohler in meinem Körper fühle. Mir ist es überwiegend gleich-gültig, was die Anderen sagen. Sollen sie doch reden! Ich kenne mich und meinen Körper besser als sie.

Heute fühle ich mich meistens wohl in meiner Haut. Ich akzeptiere und liebe mich überwiegend so, wie ich bin. Ich vertraue meinen Gefühlen. Denn sie teilen mir mit, was ich gerade denke, auch wenn ich mir dieser Gedanken nicht immer sofort bewusst bin.
Heute achte ich (noch mehr) auf meinen Körper. Es ist meine Aufgabe, auf ihn aufzupassen, ihn zu nähren und wertzuschätzen. Denn er ist es, den ich bis zum Ende meines Lebens bewohnen will.

– meine Entwicklung von 1996 bis 2016 –


 

2 Antworten

  1. Das schlimme fand ich immer diese ganzen blöden Bemerkungen – also ähnlich wie du. Ich sehr klein und sehr dünn. Schon als ich in die Schule kommen sollte wurde ich in Kur geschickt um mich aufzupäppeln, eine Quälerei. In der Schule auch immer die Kleinste und das wurde einfach zu oft thematisiert. Nach der Pupertät dann imemr mehr das Gewicht, auf was ich angesprochen wurde – was mich oft sehr verletzt hat. Ich konnte ja nix machen, ich war so. „Mei siehst du wieder schmal aus“ – „Du bist so dünn…“ blablabla. Hatte auch lange Komplexe, was so so schade ist, denn eigentlich war ich hübsch und hätte mich wohlfühlen können… wenn ich so überlege wie lange ich mich deswegen schlecht gefühlt habe, schon sehr traurig.
    Is schon komisch die Welt mit ihrem Normierungswahn.

    • Ja, der Normierungswahn ist sehr eigenartig! Besonders weil die Dinge, die heutzutage normiert und verallgemeinert werden, nicht selten unnütze Dinge sind!
      Ich denke, bis zu einem bestimmten Punkt ist eine Verallgemeinerung ok, besonders wenn es darum geht, etwas ganz allgemein einzuordnen. … Doch sobald es z.B. um einen bestimmten Menschen geht, ist es wichtig, sich diesen genau anzuschauen.

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